CfP

Resilienz und Vulnerabilität sind nicht nur transdisziplinäre Begriffsfelder – sie sind Eckpfeiler eines gewandelten Denkens. Dieses ist sowohl wissenschaftlich als auch politisch. Es zeichnet sich dadurch aus, dass nicht mehr der Wandel in einer als stabil vorgestellten Welt, sei sie heute oder in der Vergangenheit, erklärt werden muss. Vielmehr wird die Welt als grundsätzlich unbeständig, permanent in Veränderung befindlich und von Krisen wie auch Katastrophen beeinflusst gedacht, sodass ihr Weiterbestehen gleichsam erklärungsbedürftig wird. Es ist ein Bewusstsein gewachsen, dass die Herausforderungen der Gegenwart nicht losgelöst von jenen der Vergangenheit verstanden werden können – und vice versa. Daraus erwächst die fruchtbare Möglichkeit der Auseinandersetzung und Überprüfung heutiger Konzepte in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.

Die Begriffe Resilienz und Vulnerabilität – die oft in einer weiten und vereinfachten Auslegung verstanden werden als Fähigkeit von Subjekten und Kollektiven, mit Veränderungen erfolgreich umzugehen oder für diese anfällig zu sein – sind erstaunlich ambivalent. Das betrifft sowohl ihre inhaltliche Bestimmung als auch ihre Bezogenheit aufeinander. So fällt auf, dass sich ein wesentlicher Teil der dazu entstandenen Forschungsliteratur an einer begrifflichen Fixierung oder Kritik abarbeitet, während Vorschläge zu Operationalisierungen eher selten sind. Zugleich polarisiert die Verwendung von Resilienz und Vulnerabilität durch ihre politische und gegenwartsbezogene Komponente. Während auf der einen Seite einige Autor*innen
diese Konzepte dem neoliberalen-ökonomischen Diskurs zuordnen und daher ablehnen, sehen andere wiederum in ihnen eine »verheißungsvolle Schönheit« (Rungius & Weller 2016), die dazu diene, die Welt zu einem besseren Ort und uns selbst zu widerstandsfähigeren Menschen zu machen. Diese politischen und normativen Reflexionen und konträren Positionen gilt es auch für die Verwendung in und durch die Altertumswissenschaften zu beachten.

Im Rahmen des Workshops möchten wir daraus resultierend folgende theoretische Konsequenzen und Herausforderungen diskutieren und dabei die Rolle der Altertumswissenschaften im transdisziplinären Forschungsfeld zu Resilienz und Vulnerabilität beleuchten:

1) Wie werden Resilienz und Vulnerabilität in den verschiedenen Disziplinen und
Forschungsfeldern definiert und konzeptualisiert? Sind es komplementäre Konzepte? Oder ist mit dem Wechsel der Aufmerksamkeit von Vulnerabilität hin zu Resilienz auch ein Wechsel der Forschungsagenda verbunden? Welche anderen Konzepte wie zum Beispiel Nachhaltigkeit, psychische und physische Gesund-/Krankheit, gesellschaftliche (Un-)Ordnung werden damit kombiniert, integriert, vielleicht sogar ersetzt oder verdrängt?

2) Meist beziehen sich Resilienz und Vulnerabilität auf die Gegenwart und Zukunft untersuchter Zusammenhänge. Die Altertumswissenschaften gehen jedoch re-konstruktiv bezüglich der zu untersuchenden Vergangenheit vor. Wie lässt sich mit diesem Zeitparadox umgehen? Lassen sich in der Resilienz- und Vulnerabilitätsforschung insgesamt Aussagen treffen, die Prädiktionsvermögen für zukünftige aber auch vergangene Situationen aufweisen? Wie wären für Letzteres die Konzeptionierungen und Operationalisierung der beiden Begriffe gegebenenfalls zu verändern?

3) Welche Fragestellungen sind bisher, aber auch in näherer Zukunft mit Resilienz und Vulnerabilität in den Altertumswissenschaften verbunden? Welche Fragen lassen sich damit überhaupt stellen wie auch beantworten und welche nicht? Welche Rolle spielen die Altertumswissenschaften damit im transdisziplinären Forschungsfeld zu Resilienz und Vulnerabilität? Und wie schränkt die Beschäftigung mit diesem Wortpaar die epistemologische Perspektive ein?

4) Welche Vorannahmen und methodologischen Setzungen benötigen die Konzepte Resilienz und Vulnerabilität in den Altertumswissenschaften? Ist hierzu eine Rückkehr in Gestalt der Adaptiven Zyklen zu systemtheoretischen Ansätzen hilfreich oder gibt es Alternativen?

5) Welche Einheiten, Zusammenhänge, Entitäten und Gefüge können in den Altertumswissenschaften gewinnbringend mit Resilienz und Vulnerabilität untersucht werden? Ist es sinnvoll, auf theoretischer Ebene zwischen sozialer, psychischer, ökologischer, kultureller etc. Resilienz und Vulnerabilität zu unterscheiden? Oder werden dadurch nur Untersuchungsebenen adressiert?

6) Damit verbunden: Auf welchen Skalen bieten sich Theoretisierungen der beiden Leitbegriffe in den Altertumswissenschaften an? Sollten resiliente oder vulnerable Zusammenhänge auf der Mikroebene genauso konzeptualisiert und konzeptualisierbar werden, wie im überregionalen oder globalen Kontext? Wie sind die Skalen zusammenzubringen? Meist wird dazu das sozio-ökologische Konzept der panarchy herangezogen, aber gibt es auch andere Konzepte wie das der flat ontology?

Wir wollen diese und andere Fragen in einem interdisziplinären und internationalen Workshop bündeln und diskutieren. Die Spezialisierung auf die Altertumswissenschaften soll hierbei nicht ausschließend verstanden werden, sondern eher als Interessenfokus. Insbesondere hoffen wir, die Brücke zwischen Theoretisierung und Operationalisierung zu schlagen.

Dieser Workshop richtet sich an interessierte Wissenschaftlerinnen aller Disziplinen sowie speziell an Bachelor-, Master- und Promotionsstudierende sowie Post-Docs, die an einer explorativen und theoretischen Auseinandersetzung mit Resilienz und Vulnerabilität interessiert sind. Die Workshop- sprachen sind Englisch und Deutsch. Es entstehen keine Teilnahmegebühren.

Bitte melden Sie sich bis zum 31. Oktober 2020 unter travas2020@posteo.de an.

Der Workshop beginnt mit einer öffentlichen Keynote Lecture mit anschließender Podiumsdiskussion. Am darauffolgenden Tag werden mit kurzen Impulsvorträgen und einer Postersession konkrete Forschungsansätze und Projekte diskutiert, um am Folgetag verschiedene Fragen im Open-Space-Format weiter zu vertiefen.

Impulsvorträge und Postervorschläge o. ä. in Form von Kurzprojektskizzen/Abstracts (max. 150–200 Wörter) können ebenfalls bis zum 31. Oktober 2020 eingereicht werden. Teilnahmevoraussetzung ist die Lektüre und Vorbereitung der in einem Workshop- Reader gesammelten und vorab versandten Texte. Aus organisatorischen Gründen muss die Teilnehmerinnenzahl auf 40, die der Impulsvorträge und Poster o. ä. auf 10 beschränkt werden. Wir freuen uns auf viele Anmeldungen sowie interessante Projekt- und Ideenskizzen aus den unterschiedlichen Fächern, um einen breiten intra- und interdisziplinären Austausch zu gewährleisten, aber auch, um einen Einblick in verschiedene Forschungsfragen zu erhalten und die Möglichkeit gegenseitiger Anregung bieten zu können.